Über meine Bücher
Aus:HEIMATSPIEGEL
9-1-99
"Unsere Welt braucht ICHs bei Strafe des Untergangs" Helga Königsdorf.
"Man muß... mit seinem individuellen Leben Welt gestalten"
Iris Rudolph.
Ein mutiger Lebensversuch
Gewiß haben Sie sich auch schon mal gefragt, ob Sie immer wirklich sinnvoll leben? Wenn Ihnen solches Denken nicht fremd ist, dann könnte sie vielleicht Iris Rudolph interessieren.
In der Zeitung las ich, daß diese 48jährige Psychologin und Autorin, die in einer Parterrewohnung direkt an einer Bushaltestelle lebt, Wartenden und Vorübergehenden tagsüber Wohnungseinblick und Blickkontakt mit ihr erlaubt. Wozu wohl, fragte ich mich. Will sie die Fremdheit um ein kleinstes bißchen mindern und auf den Mitmenschen in jedem Privatindividuum, auf die menschliche Gemeinschaft in der bürgerlichen Gesellschaft hinweisen? Im Internet-Buchhandel fand ich vier Titel von ihr, die dem zumindest nicht widersprachen.
Neugierig geworden rief ich an und bat sie um ein Gespräch. Wir unterhielten uns lange. Ich begann zu ahnen, daß Iris Rudolph, indem sie, anscheinend sehr seIbstbezogen, Ihren Anspruch auf freie Selbstentfaltung durchzusetzen sucht, den tapferen Versuch macht, eine neue Lebensweise herauszuarbeiten, deren Voraussetzungen heute schon entstehen.
Diesen Anfangsverdacht
wollte ich prüfen und kaufte sofort ihre Schriften. Ich las sie gründlich.
Ich studierte sie fast. Denn obgleich sie als "Erzählungen einer
Kritischen Psychologin, die sich zu ihrer eigenen Feldstudie macht",
bezeichnet werden und wirklich belletristisch sind, wird die spannende Handlung
- nämlich Iris' ungewöhnlich energisches Streben nach Selbstverwirklichung
- auch vielen Betrachtungen unterzogen. Die ersten drei Bücher stellen
das aufrichtige Protokoll ihres mutigen Lebensversuchs dar, das vierte ist
ihre Diplom-Arbeit. So etwas hatte ich noch nicht gelesen! Es hat mich beeindruckt
und mich selbstkritisch nachdenklich gemacht. Es hat mich mitunter auch aufgeregt
und zum Widerspruch gereizt. Wer zunächst nur einen ihrer Titel lesen
möchte - ich rate zu "Umbrüche und ein drittes Kind" -
der sollte das Buch dann nicht etwa vorschnell an die Wand knallen, weil ihm
das eine oder andere, was sie tat, oder stellenweise Stil und Sprache mißfallen.
Man muß sich in das Anliegen der Iris Rudolph hineindenken.
Die Einzigartigkeit eines jeden -
die Großartigkeit der Menschheit
Schon in früher Jugend brach ihre unbändige Lebenlust hervor. Der
besorgte Vater, der ihr den höheren Bildungsweg geöffnet hatte,
wollte ihre Eskapaden zügeln, ihren wilden Freiheitsdrang gewaltsam brechen.
Doch es härtete, ja es stählte ihre Willenskraft.
Als Gymnasiastin nahm Iris am Kampf u.a. gegen die Notstandsgesetze teil und trat der DKP bei. An der Universität entschied sie sich für die marxistische "Kritische Psychologie" von Klaus Holzkamp. Von Holzkamp lernte sie, daß das Sich-selbst-wichtignehmen unerläßlich für individuelle Autonomie ist.
Bei Lucien Seve begriff sie, daß die Gesellschaft fortan - bei Strafe ihres Untergangs - die volle Selbstentwicklung eines jeden Menschen garantieren muß. So faßte sie denn ihr Lebenskonzept klarer: Sich die Menschheitskultur anzueignen, das Leben auszuschreiten und sich dabei als "Selbst" in ihrer ganzen Individualität zu entfalten - das sollte ihr Beitrag zum Gesellschaftswandel sein. "Wenn ich lebe - alle Ausdrucksformen meiner ganz einzigartigen Individualität sind zugleich das gesellschaftlich Relevante - so halte ich der Menschheit ihre eigene Großartigkeit vor Augen, mir. Und erlebe alle Ausdrucksformen der je einzigartigen Individualität anderer als Ausdruck der Großartigkeit der Menschheit.
Unverfremdet
menschlich leben
Jeder einzelne Mensch das Besondere - und das Allgemein-Menschliche zugleich!" Und wie lebt sie dieses ihr Grundprinzip praktisch? Sie gründete eine ,,Werkstatt für Kritische Psychologie, Philosophie und Globalwissenschaften", in der sich Teilnehmer individuelle Lebenspläne erarbeiten sollten. Interessenten gab es genug. Aber sie konnten die Kurskosten nicht bezahlen ("Arbeitslos alle, ... aber alle machten was. Punkband, Malen, Gedichte, einer lernt Russisch ...."). Weil auch keine Instanz eine solche Werkstatt förderte, gelang es Iris Rudolph nicht, sich wissenschaftlich und finanziell auf eigene Beine zu stellen.
Heute hilft sie da und dort ehrenamtlich als Dozentin und Beraterin, Chancen nonkonformer Selbstentfaltung zu erkennen. Dabei verharrt sie nicht bei einmal erarbeiteten Einsichten. Ihre gesellschaftliche Tätigkeit, aktuelle Schriften und der Gedankenaustausch im Freundeskreis führen zu neuen Ideen. Vor allem aber schöpft sie Ideen aus ihrer ungewöhnlichen Lebensgestaltung.
,,Liebe
hat absoluten Freiwilligkeitscharakter"
Sie sucht höchste Ansprüche an die Liebe zu realisieren. Nur um
die Leidenschaft - "individuelle Geschlechtsliebe" nannte es Friedrich
Engels - soll sich das Miteinander voneinander unabhängiger Partner in
ihrer entfalteten Individualität ranken. Kameradschaft, Vernunft, Rat
und Beistand im übrigen Leben sollen nicht primär verbindend sein.
"Für mich war das Wichtigste in einer Liebesbeziehung, daß
jeder das tut, was er will, auch wenn es gegen die aktuellen Interessen des
anderen verstößt. Nur so könnte ich mir Liebe vorstellen.
Denn Liebe hat für mich absoluten Freiwilligkeitscharakter."
Erinnert das nicht ein bißchen an Liebesaffären zwischen Filmstars? Nein. Iris verachtet Parodien. Sie will Liebe in ihrer Ur-Menschlichkeit! Sie versuchte es schon mit mehreren Partnern, ersehnt sich aber die lebenslange Liebe mit einem Mann. Ob das heute erreichbar ist, wenn Liebe nicht in eine vielseitige Lebenspartnerschaft eingebunden wird? Sie will das Leben in seiner von allen Verfremdungen befreiten, natürlichsten Menschlichkeit ausschöpfen, so auch die Mutterschaft. "Irgendwie schlägt sich Liebe bei mir um in den Wunsch, Kinder in die Welt zu tun."
Hingebungsvoll wurde, war und ist sie Mutter zweier Söhne. Der z.Z. arbeitslose Volker möchte gern Karate-Lehrer sein. Juri macht gerade seine Gesellenprüfung als Schreiner. Beide sehen in ihr den verläßlichen Lebenskameraden: ,,Alte, wir müssen mal durchchecken, ob...", sagen sie, wenn sie Rat suchen. Leider erfahren wir nicht, wie sie denn ihre Söhne ins Leben begleitet hat und wie es ihr gelang, für sie zu leben, ohne sich selbst zurücknehmen zu müssen.
,,Lisa,
Kind aller Menschen..."
Menschlichkeit pur leitete auch ihren Entschluß, ein mit Christoph - ihrer größten Liebe - gezeugtes drittes Kind auszutragen, um es an ihren Freund Rolf abzugeben, der auf ein eigenes Kind versessen war. Iris wollte es noch einmal erleben: Schwangerschaft und Geburt. Sie wollte einem weiteren Kind ihrer Liebe das Leben schenken, ohne es auch ein drittes Mal fünfzehn Jahre lang zu betreuen. Tief empfunden von Iris wird Lisas Geburt: "Nur noch wenige Augenbicke, und ich habe einen neuen Menschen in die Welt gesetzt! Eine Tochter. Mensch, Christoph. Da wirst du nun zum Schöpfer und erlebst es nicht! Wärst du doch hier. Wieder eine Wehe, heftiger noch. Jubel war in mir. Gekrümmt stand ich an das Waschbecken geklammert ... Wollte noch alleine sein... mit meiner noch in mir wohnenden Tochter.... Du bist mein Versprechen an die ganze Menschheit, daß wir es schaffen werden, das neue Mensch-Natur-Verhältnis zu erschaffen! Leben wirst du, und wie! Nur aus dem Vollen schöpfen können, ohne Angst wirst du dich entfalten. Mädchen. Mädchen!
Ein Drahtseil kurz vor dem Zerreißen, ein Vulkan kurz vor dem Bersten: die dritte, die letzte Preßwehe. Schreien, schreien, schreien! Die Geburt von Königskindern wurde immer mit Kanonendonner verkündet. Mein Schreien war gewaltiger noch. Hier kommt Lisa, Kind aller Menschen, das Kind des Lebens, das Kind der absoluten Liebe, der absoluten Leidenschaft!" Lisa wächst lebens- froh bei Rolf und seiner Freundin auf.
Individualität
ohne Gemeinschaft?
Indem uns Iris Rudolph das alles und noch sehr viel mehr in ihren Lebensprotokollen "beichtet", trägt sie sich in das sozialkreative Erfahrungspotential der Menschen ein. Doch mir scheint, daß es besonders in ihren jungen Jahren - auch manches Kritikwürdige und oft etwas zuviel Rigorosität gibt.
Ich konzentriere mich hier aber nur darauf, daß sie ihr Grundprinzip manchmal überspannt: "lch möchte eine Welt, in derdie Menschen sich gegenseitig nicht benötigen, in der sie einfach durch das, was sie ... für sich tun und lassen, gleichzeitig auch das Beste für alle anderen tun."
Sich nicht benötigen? Gewiß bringen besondere Lebenswege oder Tätigkeitsarten auch oft sehr gesellige - Einzelgänger hervor. Ist aber jeder Mensch nicht immer auch - sogar die physischpsychisch stärksten Typen - ein sehr sensibles Gesellschaftswesen? Benötigt er nicht ständig ermutigende, produktiv anregende, synenergetische und auch direkt unterstützende Wechselbeziehungen mit anderen inder Gemeinschaft und seine Geborgenheit in ihr, um seine Individualität und Persönlichkeit als ihr tätiges Glied frei entwickeln zu können? Sind ihm das kontinuierliche und vertraute Zusammenleben mit anderen, ihre Anerkennung, ihre Anregungen, der stille
Ichs
aller Länder
Immer wieder sucht
meine wehe Seele
sich im Innern zu verkriechen.
Oder im Schrei sich Luft zu machen.
Schmerzlindernde Maßnahmen in einer Welt,
in der ich einzelne nichts zähle.
Alles was ich habe, mache,
stelle ich in den Dienst,
die Welt so zu verändern,
das sich genau das ändert,
nicht Profit, sondern Ich das Entscheidende ist.
Los, Ichs aller Länder, vereinigt Euch
zu diesem Ziel!
Was haben wir anderes zu Verlieren
als den Schmerz der Ohnmacht?
Der Weg ist unklar, grau und nebulös,
auf dem das zu erreichen wäre.
Und warum arbeiten wir nicht daran
und machen uns zum Subjekt der Geschichte?!
Wettbewerb mit ihnen
um Rang und Platz im Kollektiv und immer wieder auch ihr direkter Beistand
nicht unentbehrlich? Und regen nicht sie erst seine kreativen Lebensgeister
so richtig an?
Das gesellschaftliche Wesen Mensch
Passé ist allerdings jener archaische Gemeinschaftstyp, dem sich alleeinheitlich unterordneten. In der Klassengesellschaft blieb diese Gemeinschaft noch unter Arbeitenden erhalten. Denn die Entwicklungslosigkeit materiell hart arbeitender Massen war Bedingung dafür, daß sich die Menschheitskultur in einer nichtarbeitenden, priviligierten, geistig tätigen Minderheit entwickeln konnte.
Die wissenschaftlich-technische Revolution macht jedoch den soldatisch disziplinierten, individuell gesichtslosen Massenmenschen überflüssig. Sie benötigt kreativ, eigenverantwortlich und hochqualifiziert tätige Menschen, die sich mit manngifaltigsten Individuailtäten in die Gemeinschaften und letztlich in eine Weitgemeinschaft kooperierender Individuen einbringen. Der neue Gemeinschaftstyp besteht im freiwilligen Zusammenwirken von individuell voll entfalteten, selbstbestimmten Menschen.
Alles in allem: Der in ihren Schriften dargestellte Selbstversuch von Iris ist ein produktiv provozierender Beitrag zu den Auseinandersetzungen um Lebensweisen der Zukunft. Dreist fordert sie die Konventionalität mancher vor sich hin lebender Mitmenschen heraus.
Indem sie ihren totalitären Selbstverwirklichungsanspruch oft auch rigide durchsetzt und ihre widersprüchlichen Erfahrungen mit ihrem Lebenskonzept in der Eines psychologischen Feldversuchs mit sich selbst ehrlich protokoliert, erfüllt sie ihre Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft, von deren Arbeit sie lebt.
Die jetzige Gesellschaft schätzt alternative Versuche nicht. Iris Rudolph muß von Sozialhilfe leben. Hätte sie nicht ein Gehalt verdient?
Dr. Walter Rösler