Malta, die Fotostory

 

                              

Eine Umfrage flatterte durch meinen Briefkastenschlitz in den Flur.
Eine Hauswurfsendung: Schafft der Euro Arbeitsplätze? Dabei war ein Rubbellos, auf dem ich drei Hütten errubbelte, das hieß, ich hatte einen 8-tägigen Hotelaufenthalt für zwei Personen gewonnen in der Türkei, Portugal, oder auf Malta. Yeah! In Portugal war ich schon gewesen, in die Türkei zog mich nichts, hier gab's genug Türken zu gucken, auf Malta war ich noch nicht, aber Rudie, mein Erstgeborener, und der war schwer begeistert, ja er schwärmte regelrecht von seinen drei Wochen dort, die ihm noch zu wenig gewesen waren, mindestens eine Woche länger habe er gebrauchen können, beteuerte er ständig. Also Malta.
Ich konnte, so der Gewinnprospekt, entweder mit einer von ihnen angebotenen Flug- und Reisegesellschaft fliegen oder individuell anreisen. Ich musste mich für einen von einigen in Frage kommenden Terminen entscheiden. Ich wählte, individuell anzureisen und als Termin einen im Januar, als Ausweichtermin einen im Februar und schickte die Unterlagen ab. Dann hörte ich erstmal nichts mehr von ihnen. Wen konnte ich mitnehmen? Arnd reiste gern, mit Juri war er mehrmals verreist, Florida, Italien, Östereich..., und er hatte mir schon oft aus der Klemme geholfen, wenn ich mal grad wieder was nicht bezahlen konnte, hatte er mir Knete geliehen, brachte Frühstück mit, wenn er kam, ja, Arnd hatte mal 'ne kleine Freude von mir verdient. Ich fragte ihn, er freute sich, sagte ja, und wir warteten auf eine Antwort der Firma. Die kam nicht, so rief ich dort an, erhielt allerdings nur die Auskunft, es sei noch viel zu früh für eine verbindliche Aussage. Na gut, wieder was warten, inzwischen liess ich mir von Rudie viel erzählen; meine Neugier auf Malta wuchs. Schliesslich rief ich nochmal dort an. Diesmal wurde ich von einem zum anderen weiterverbunden, niemand war zuständig, bis endlich ein Typ mir ein Angebot machte, wo wir allerdings Abendbrot mit buchen mussten, der Gewinn bezog sich nur auf Hotelaufenthalt mit Frühstück. Ich sagte zwar, ich werde mir das überlegen, aber eigentlich war schon klar, dass ich das nicht wollte, denn das Abendbrot sollte pro Person und Tag nochmal 50,- DM kosten, dafür konnte man dort bestimmt auch ausserhalb essen und musste nicht immer pünktlich im Hotel zurück sein. Arnd war meiner Meinung, also sagte ich dieses Angebot telefonisch ab und bekam zur Antwort, etwas anderes habe er aber gerade nicht. Ja Kacke! Alle waren der Meinung, bei dem Rubbellos habe es sich um einen Pseudo-Gewinn gehandelt. So sah es aus. Uns wurde auch die Zeit etwas knapp, irgendwann wollten wir ja nun doch wissen, wann wir nach Malta fliegen würden. Kurz entschlossen verzichteten wir auf diesen Gewinn, der ja doch nur Scherereien zu bringen schien, und suchten ein Reisebüro auf, wo wir eine Pauschalreise buchten, den Flug und das Hotel, gleich für 14 Tage, denn Rudie hatte immer wieder beteuert, schon seine drei Wochen dort seien zu wenig gewesen. Jetzt hatten wir den "Urlaub" in der Tasche. Einmal konnte man sowas ja mal machen, auch wenn es ein stolzer Preis war, den ich zahlen musste. Obendrein hatte ich gerade erst über 1000,- DM im Spielcasino gewonnen anlässlich Juris 21. Geburtstags, zu dem er das erste Mal ein Casino besuchte. Ich hatte natürlich beharrlich auf die 21 gesetzt, ja, und gewonnen.
Eine Woche später ging's los. Na, so musste das sein.
Bisher hatte ich mich noch nicht so richtig gefreut, obwohl es ja schon 'ne ganze Weile feststand, dass wir fliegen würden. Erst jetzt, nachdem die tickets bezahlt waren, machte sich Reisefieber breit. Und es war noch so viel zu tun! Und Tessa rief an, sie komme Samstagabend.
''Ich fliege Sonntag, das weisst du?''

''Wie? Schon Sonntag? Mittwoch, dachte ich.''
''Nee, Sonntag. Und die Samstagnacht will ich im subground verbringen, Johann legt auf.''
''Ooch, das ist ja 'n Scheiss-timing! Aber wenn's mir einigermassen geht, komme ich mit in den subground.''
So war's dann auch. Flo, Tessa und ich holten noch Larissa ab, und ich dancete fast ununterbrochen bis zum Morgengrauen nach Johann's Mucke.
Schnell noch 'ne Stunde schlafen, waschen, gepackt war schon, und ich wartete im offenen Fenster sitztend auf Arnd. Mensch, hier war's schon so warm, 6. Februar und richtig mildes Frühlingswetter - im T-shirt traf Arnd mich an, als er mich abholte, seine Eltern wollten uns zum Flughafen bringen.
''Wie warm es wohl erst auf Malta sein wird,'' freuten wir uns.

Wir froren uns den Arsch ab. Kein Ofen, keine Heizung, nichts. Windig ohne Ende bei bewölktem Himmel, nirgends ausser im Bett konnte man sich aufwärmen, kein Cafe, kein Restaurant, nichts war geheizt. Und natürlich hatte ich keinen dicken Pullover mit. Na, das konnte ja was werden!
Zunächst liess ich mir die gute Laune nicht verderben. Der 3-stündige Flug bei gutem Wetter und so niedrig, dass man alles sehen konnte, Berlin, München, die Alpen, Rom, den qualmenden Ätna, die Küste des Mittelmeers - klasse. Das Essen, was uns gereicht wurde, verursachte schon vom Geruch her Übelkeit. Dabei war ich oberhungrig, hatte seit über 24 Stunden nichts gegessen, aber hier verzichtete ich gerne. Auch Arnd ass nur die maltesischen Cracker - aber all die anderen in der Maschine, tatsächlich, sie assen!
Leider schon im Dunkeln ratterte uns ein Kleinbus vom Flughafen zum Hotel in Paceville, mit dem Lenkrad auf der ''verkehrten'' Seite, Linksverkehr herrschte hier.

Rauf ins Zimmer, frisch machen - das Wasser war kalt! Ich hatte die fettige Reinigungsmilch schon auf dem Gesicht, bevor ich es merkte, nun ging sie schwer ab, lange musste ich immer wieder kaltes Wasser ins Gesicht schöpfen und war schon richtig durchgefroren noch bevor wir das Zimmer zum ersten Mal verlassen hatten, was Anständiges zu essen zu suchen. Der heftige Wind beschleunigte unseren Schritt, nicht lange, und wir sassen in einem kleinen, ungemütlichen Restaurant als zweiter besetzter Tisch, schlotternd vor Kälte fiel es schwer, den wirklich lecker zubereiteten Fisch - Arnd ass Schwertfisch, ich die Landesspezialität Lampuki - zu geniessen, zu dem wir das Nationalgetränk Kinnie, eine Limonade aus Bitterorangen, probierten. Ja, konnte man trinken, aber literweise heisse Schokolade wäre mir jetzt lieber gewesen...
Zurück im Hotel bequemten wir uns doch noch mal in die Hotelbar, vielleicht wärmte ein Cocktail von innen und gab uns die nötige Einschlafschwere...


Zwischen 7:30 und 9:30 Uhr gab's Frühstück. Tatsächlich wurden wir von alleine früh genug wach.
Erwartungsvoll auf den ersten Tag auf Malta, ausgeschlafen und gut gelaunt wollten wir uns die Teller volladen am Büffett: Igittigit! Einzeln eingeschweisste Käsescheiben, labberiges Weissbrot, vollknartschige Brötchen, Arnd versuchte es mit den Cornflakes - nach einem Löffel schob er sie mit versteinertem Gesicht von sich, ich dachte, der Kuchen vielleicht - nein, der schmeckte nach Kakerlaken, ich spuckte ihn sofort wieder aus. Und der Kaffee - war wenigstens heiss. Am Nachbartisch sassen zwei Berliner. Arnd fragte den einen, ob sie auch nur kaltes Wasser hätten. Ja.
"Hier ist nichts so, wie es sein sollte," meinte er. "Weckt euch auch der Baustellenlärm morgens?"
Nein, davon hatten wir noch nichts bemerkt.
"Vielleicht ist's im 2. Stock nicht so schlimm. Und am Wochenende kommt ganz Malta hier in unser Viertel, auf den Strassen ist die Hölle los. Wir sind hier mitten im Vergnügungspark."
Einen interessanten Toaster gab's, man legte das Brot auf ein Laufband, das dann durch das Innere mit den Heizungsdrähten oben und unten führte, und schwupps landete das Getoastete auf einem Auffangteller.

Als wir, zurück im Zimmer, die Balkontür öffneten, drang auch uns das Lärmgemisch aus Kreissägen, Hämmern, Betonmischern, Baufahrzeugen, Baggern, Pressluft und Bauarbeitergebrüll entgegen. Ich mag ja diese Geräusche, die ganze Kraft und Perspektive der Menschheit drückt sich in ihnen aus, auch wenn z.Z. nur und überall Betonklötze gen Himmel gereckt werden, aber Arnd fand das nicht so klasse. Mich nervten mehr die ununterbrochen schrillenden Alarmanlagen von Hotels und Autos, tatsächlich gab es kaum mal fünf Minuten Ruhe vor ihnen. Als wir zum nächsten Ereignis, einem Treffen mit dem deutschsprechenden Reiseführer, in die Hotelhalle `runtergingen, sprach ich die ebenfalls deutschsprechende Frau an der Rezeption auf das kalte Wasser an. Sie beteuerte, das werde sich ganz bestimmt ändern im Laufe des Tages, und wirklich, abends war es richtig heiss. Das Treffen mit dem Reiseführer bestand eigentlich nur darin, dass er uns und ein Rentnerpaar aus Stuttgard auf vorbereitete Touren durch Malta anzumachen versuchte. Nun,bei uns hatte er damit kein Glück, die Touren waren viel zu teuer, und das inclusive Mittagessen erntete nur unser Misstrauen. Wir gingen erstmal Knete tauschen und in den Supermarkt, Lebensmittel einkaufen, damit wir nicht verhungern mussten. Zurück auf dem Zimmer frühstückten wir ein zweites Mal, diesmal leckersten Käse, leckerste Salami, Kaviar, prima Brot. Unser Eindruck von Flugzeug und Hotel, die Malteser hätten nix Leckeres zu essen, bestätigte sich überhaupt nicht. Erschöpft von Einkauf, Eindrücken und Essen pennten wir erstmal 'ne Runde, und anschliessend besuchten wir den neuen, beheizten swimmingpool unter dem Dach des Hotels. Naja, beheizt! O.K., das Wasser war wahrscheinlich wärmer als es direkt aus dem Kran kam, aber kalt war's trotzdem. So viel gefroren wie bis jetzt schon hier hatte ich den ganzen Winter über noch nicht! Aber ich wollte nun unbedingt schwimmen, sprang hinein, und das kennt man ja, ist man erstmal drin, geht's auch. Arnd schwamm auch ein bisschen - naja, schwimmen konnte man die drei möglichen Züge hin und zurück kaum nennen, ein swimmingpool, so hatte ich neu dazu gelernt, ist nicht etwa ein pool zum Schwimmen, sondern nur zum Abkühlen, denn der swimmingpool im Innenhof des Hotels sah genauso aus, und einige andere, die ich noch zu sehen bekam, auch, und Abkühlung war nun nicht das, was wir brauchten - , ein Rentner war noch anwesend, und anschliessend erkundeten wir das Sonnendeck, eine Betonplattform mit schäbigen Sonnenliegen auf dem Dach. Die Sonne schien, der Wind wurde etwas durch die umliegenden Häuser abgehalten, man konnte das Meer sehen, wir zückten den Fotoapparat und störten die Ruhe zweier sonnenbadender Rentnerpaare.

So, jetzt 'n Auto leihen! Direkt neben dem Hotel war gleich ein wie bei uns die Kioske aussehender Laden, der erheblich billiger Autos verlieh als der Reiseführer uns eins angeboten hatte, ein Jahr alt erst, doch schon sehr zerkratzt - "That's normal," meinte der dealer dazu - , der Innenspiegel fiel immer ab, bei den ständigen Versuchen, ihn wieder anzubringen, zerbrach Arnd ihn gleich am zweiten Tag und fuhr seitdem ohne. Nach einem wirklich guten Kaffee im Peece of Cake, einem Schnellcafe` oder Cafe`imbiss - wie soll man das bezeichnen? - und einem leckeren Stück Torte - man, was hatten die für Torten in der Auslage stehen! - stürzten wir uns in das Abenteuer Verkehr. Rudie wusste den Spruch zu erzählen: Die kontinentalen Europäer fahren rechts, die Engländer fahren links, die Malteser fahren im Schatten. So schlimm war's eigentlich nicht, vielleicht, weil ja noch Winter war, und zumindest was die Fussgänger anging, hielten sie sich dort, wo die Sonne war. Meine Aufgabe war es als Beifahrerin, Arnd auf der linken Strassenseite zu halten, die Karte auf dem Schoß den Weg einigermassen anzusagen, was ganz schön schwierig war, weil ich zum Lesen eine Brille brauche, durch die ich aber nicht normal gucken kann, und für's Normalgucken die Sonnenbrille, da die Sonne trotz Kälte heftig schien. Also immer Brille auf, Brille ab, andere Brille auf, Arnd, bleib links, jetzt müssen wir m.M.n. nach dort lang, uh, guck mal, wie geil, diese Landschaft, nee, guck nich, bleib links, Brille auf, Brille ab. Puh! Wir waren beide voll gerädert, als wir in Bogibba ankamen, dunkel war's nun auch schon, ein kleiner Spaziergang tat ganz gut, entlang am Wasser, überall heftigste Hotelbauten, nur der Lichterglanz sah ganz gut aus, ansonsten war die Architektur entsetzlich betonlich. Wieder ins Auto, den Rückweg angetreten. In Mosta kurz den hell erleuchteten Dom bestaunt, durch Lija, wo Rudie gewohnt hatte, suchten wir uns den Weg zurück nach Paceville. Nun, im Dunkeln, war das noch schwieriger als zuvor, denn die Strassen spotten jeder Beschreibung, und das, obwohl wir ja die Strassen im Osten Berlins kurz nach dem Mauerfall kannten, und die Strassenkarten waren diesen Namen nicht wert. Aber wir schafften es, erheblich auch wegen und an Hand "unserer" Wolkenkratzerturmbaustelle vor der Tür, eine Orientierungshilfe vergleichbar des Alex, wow, zurück im Hotelzimmer, puh, ich schrieb noch ein paar Karten, und wir fielen ins Bett...

Was hatte ich schlechte Laune am nächsten Morgen! Hektik, damit man das scheiss Frühstück noch schafft, wenigstens auf den Kaffee wollte ich nicht verzichten, auch wenn er sehr wässrig war, aber ich wollte mir nicht leisten, meinen normalen Kaffeekonsum nur in Cafe's abzudecken, hatten wir doch schliesslich für Frühstück bezahlt und war es schon schlimm genung, dass man aus dem Bett musste dafür, wieviel schlimmer war die Vorstellung, erst noch auf die Strasse zu müssen... Arnd erfand eine neue Technik am Toaster: Er legte die Plastikkäsescheiben schon auf das Brot, bevor er es durch die Toasterstrasse schickte. Ja, so konnte man es essen. Ich schnitt ein Brötchen durch und wollte es durch den Toaster jagen, da kam der Frühstückssaalaufpasser auf mich zu und pampte mich an:
"Only for toast, Ma'm," ranzte er.
"Es klappt doch aber", entfuhr es mir auf deutsch. Der Raum zwischen den Heizdrähten war wirklich weit genug.
Nein, nur für platte toast-Scheiben war der Toaster vorgesehen. Ja, unflexible Spiesser allerorten. Das besserte meine Laune ja nun nicht gerade. Aber was soll's, der Tag sollte ja gut werden, ins Auto gesetzt und losgefahren. Heute hatten wir Mdina zum Ziel. Völlig fertig kamen wir dort an, mehrmals den Weg nicht gefunden, aber wir kamen dort an. Kaum stiegen wir aus dem Wagen, fing das Frieren wieder an. Zwar war es sonnig mit ziemlicher Bewölkung, aber der Wind war so kalt und liess schon nach wenigen Augenblicken die Gesichtshaut und Lippen wehtuend spannen. Wir latschten durch Rabat auf der Suche nach 'ner Kaffeetrinkmöglichkeit, viele Restaurants hatten geschlossen, sowas, was wie 'nen Cafe bei uns aussah, gab es gar nicht, nur kleinste Kaschemmen, wo man auch 'nen Kaffee kriegen konnte, der allerdings auch eher nur so hiess. Was 'n Scheisstag! Nun waren wir aber mal hier, also latschten wir nach Mdina 'rein, die alte Hauptstadt von Malta, eine Festung, die mich arg an die Burg erinnerte, in der ich zur Schule gegangen war, nur viel, viel grösser.

Durch eine offenstehende Tür sahen wir Ritterpuppen in Lebensgrösse ausgestellt, wir gingen hinein und ehe wir's uns versahen, hatten wir eine Führung bezahlt. Mit speckigen Kopfhörern versehen, aus denen im entsetzlichen sound die deutsche Version von "The knights of Malta" kam, begleitet mit Gequietsche, Kanonendonner, Schlachtenlärm usw. wurden wir durch Kellergewölbe geschickt - "Gehen Sie bitte zum nächsten Objekt." - und sahen uns die dargestellten Ritter an. Die Puppen waren ganz lustig, für kleinere Kinder war dieser trip vielleicht ganz interessant, viel Blut floss und Folterwerkzeuge wurden gezeigt. Dazu ein unmöglicher Text, der die Geschichte der Ritter Maltas hahnebüchen beschrieb.

Rudie hatte von dem total guten Schokoladenkuchen geschwärmt. Nichts wie hin! So sassen wir am Goldfischteich, kalt war's immer noch, aber der wirklich beste Schokoladenkuchen, den ich je ass, versöhnte mich, auch Sitzen kam gut, die Latscherei in den Plateuschuhen war ziemlich anstrengend. Anschliessend latschten wir wieder 'rum, meine Laune hatte sich gebessert, ich machte Experimente mit Arnds Fotoapparat und verknipste einen ganzen Film, eigentlich hatte ich noch nie so richtig fotographiert, 'nen paar Schnappschüsse, als ich mit Jarek auf dem Bau gearbeitet hatte. Die Optik hatte hier schon 'ne Menge zu bieten.

Arnd wollte noch in ein Gruftmuseeum, ich verzichtete dankend. Vorbei an Kanonen und Kirchen, an unglaublichen Häusern und Baustellen kamen wir endlich an eine kleine Kaschemme, wo ich 'nen Kaffee trank, während Arnd loszog in das Gruftmuseum Karten schrieb und ein wenig meine Eindrücke anfing festzuhalten. Es war siesta-Zeit, die anderen Gäste gingen, ich war allein, der Wirt sass auf 'nem Stuhl und war am Pennen.
"May be, I have to go?" fragte ich vorsichtig.
Er öffnete seine Augen einen Spalt und bedeutete mir, nein, keep cool, bleib nur und warte auf deinen Begleiter. Ob er das auch gemacht hätte, wenn ich ein Typ wäre? Vielleicht, denn die Malti kamen mir durchaus sehr zuvorkommend und freundlich vor, allerdings war es auch oberselbstverständlich, dass Arnd immer auf alles angesprochen wurde, zahlen sollte usw., sodass ich schon ein paarmal meinen Ärger über diese patriarchalischen Verhaltensweisen hier durch körperliche Bewegungen wie Springen usw. abreagieren musste. Als Arnd kam erzählte er, das Museum hatte geschlossen gehabt, er war nur durch ein paar Gruften gedackelt. Ins Auto, und weil die Dingli-Klippen nicht weit waren, fuhren wir dort auch noch hin. Wow, die Optik sucht wirklich überall ihresgleichen. Wieder verknipste ich einen ganzen Film und hatte noch bei weitem nicht alles auf Pollaroid gebannt, was ich gerne erfasst hätte.

Da wir nicht die gleichen Wege nehmen wollten, die uns hergeführt hatten, nahmen wir andere - und erlebten voll das Fahrabenteuer! Die Pfade, auf die wir gerieten, wären selbst mit 'nem allradangetriebenen Jeep eine Herausforderung gewesen. Und wir hatten nur diesen Hyundai. Aber Arnd meisterte alle Hindernisse, Brüche und Abgründe, selbst die einbrechende Dunkelheit machte da nichts. Kurz vor Hamrun hielt Arnd, um zur Orientierung nochmal auf die Karte zu gucken, vor einer fetten Mauer. Ich traute meinen Augen nicht!

Hing da doch glatt ein Plakat, auf dem Paul van Dyk angekündigt wurde! Yeah! Wahrscheinlich handelte es sich aber um eine Technoparty, zu der er auflegen sollte, die längst vorbei war, das Datum war abgerissen und überhaupt sah das ganze Plakat wie eins aus dem letzten Sommer übriggebliebenes aus. Aber trotzdem, ich freute mich tierisch. Als wir durch Hamrun kamen, lockten viele Geschäfte mit Winterschlussverkaufangeboten, wir stiegen aus, und Arnd kaufte sich vier Hosen für 10 pounds, was eigentlich Maltesische Lira heisst, das sagt aber keiner, Arnd sagte immer Dollar, und umgerechnet ca. 50,- DM waren, und eine geile Jacke, deren Preis habe ich vergessen. Unser Geld reichte noch für 'ne Pizza auf die Hand, dann ging's "nach Hause", schnell noch mal in's Peece of Cake, einen guten Kaffee trinken, und dann fielen wir ins Bett.

Am nächsten Tag war schlechtes Wetter. Auch das noch. Morgens hatte ich immer miese Laune, die Hektik, um zu dem schlechten Frühstück zu kommen, war mir verhasst, aber liegenbleiben, das Frühstück ausfallen lassen, bedeutete eben, noch mehr Knete für Kaffee auszugeben, und sowieso gab ich schon mehr Geld aus, als ich ursprünglich gewollt hatte. Vielleicht machte mir auch meine "Drogenfreiheit" zu schaffen. Noch nicht allzulange frass ich keine chemischen Drogen mehr, hatte, bevor Tessa mit leckerstem Gras kam, eine Woche lang nicht gekifft, hier kiffte ich auch nicht, ich träumte grossen Mist, viel und plastisch - ach, morgens wusste ich überhaupt nicht, was diese ganze Reiseaktion überhaupt sollte. Irgendwie war ich durch das blöde Rubbellos so da 'rein geschliddert, und ständig meinten alle, ich solle mal verreisen, mal wieder 'raus aus dem Alltagstrott, dabei hatte ich mir meinen Alltag ja extra so eingerichtet, dass er mir gefiel, was sollte also das Geschwafel, man müsse auch mal was anderes um die Ohren haben... Eigentlich sehnte ich mich nach zu Hause, nach meinem computer, nach Lernen am Rechner, nach Schreiben, nach Parties, nach Kaffee, richtig gutem, so viel ich wollte, nach Telefonieren, nach den Leuten zu Hause - nach allem. Ja, hier war die Optik klasse - und? Na ja, vielleicht merke ich ja später, hinterher, mehr davon, "dass es guttat, mal 'rauszukommen", - aber ich glaubte das nicht so richtig. Also zum Frühstück. Diesmal erwischte mich der Frühstückssaalaufpasser dabei, als ich den toast zusammen mit dem Käse durch den Toaster laufen liess, und schnauzte mich direkt wieder an. O.k., es war der andere Aufpasser, er machte es etwas freundlicher, aber trotzdem. Nach dem Frühstück ging ich gleich wieder ins Bett. Vielleicht war ich auch einfach noch voll fertig von der quasi durchgemachten Nacht zum Sonntag, vor'm Abflug, auch war ich von zu Hause ja nicht solche Tagesabläufe gewohnt, ständig auf Achse, wenig liegen, wenig drinnen, viel Wind, viel Luft - da musste man ja schlecht drauf kommen. Vielleicht sieht ausgeschlafen alles wieder besser aus.
Nach dem Pennen war ich noch fertiger. Erstmal waschen, frisch machen. So, was jetzt? Arnd war nach Valletta gefahren, der jetzigen Hauptstadt von Malta, und es kam ganz gut, mal allein zu sein. Nicht, dass er mich bisher irgendwie gestört hätte, er redete zwar viel vor sich hin und machte auch sonst einen recht zerstreuten Eindruck, das fand ich aber eher belustigend, Arnd war eigentlich ein sehr angenehmer Begleiter und Zeitgenosse. Ich ging erstmal in einen Schreibwarenladen, Briefmarken und Briefumschläge kaufen, setzte mich ins Peece of Cake, frankierte die vielen geschriebenen Karten bei Kaffee, brachte sie in den Briefkasten, den ich beinahe gar nicht bemerkt hatte, so unscheinbar war das kleine, rote Rechteck, die mit einem Schlitz versehene Metallplatte, flach an der Hauswand angebracht. Dann ging ich das erste Mal ins internet-cafe'. Yeah! Zwar unbequem, aber vor dem computer sitzen! Wie geil! Holte meine mails ab, guckte mir mein Konto an, mailte Antworten, voll war ich in meinem Element. Natürlich hatte ich die meisten URL's und e-mail-adressen nicht im Kopf, daran, sie mitzunehmen, hatte ich nicht gedacht, denn ich hatte mir nicht vorgestellt, dass ich im internet-cafe' sitzen würde... So konnte ich nicht alles machen, was ich wollte, aber ich versuchte, z.B. durch 'ne mail an Johann, dessen e-mail-adresse ich natürlich wusste, an andere Adressen zu kommen. Nun bauchte er mir nur noch zurückzumailen, und ich konnte noch 'ne Menge anderer Sachen machen. Prima. Guter Dinge kehrte ich ins Hotel zurück, und tatsächlich kam Arnd auch bald. Er erzählte von seinem Ausflug, das meiste habe ich vergessen, weiss nur noch, dass Valletta festlich im Lichterglanz geschmückt war wegen des nationalen Feiertags morgen, weil St. Paul an der Küste Maltas gestrandet war in grauer Vorzeit. Und eine Prozession zu diesem Anlass hatte er gesehen. Wir gingen in einem völlig leeren italienischen Restaurant essen, wo ich eigentlich die maltesische Besonderheit Kaninchen essen wollte, doch es gab kein Kaninchen, der Sommer sei so heiss gewesen, teilte uns die Chefin mit, dass es keine Kaninchen gab. War das zu glauben? Es gab keine Kaninchen, die sich doch so sprichwörtlich vermehren? Jedenfalls hatte sie keins. Also ass ich Fisch, superlecker in Tomatendressing zubereitet, Arnd ass irgendein Nudelgericht, dass auch sehr gut schmeckte. Also über das Essen, ausser in unserem Hotel, konnte man echt nicht meckern. Gegenüber war die Misfits-Bar. Als Arnd in Hamrun seine vielen Hosen anprobierte, hatte ich mich mit dem jungen Verkäufer unterhalten, ihn nach Techno-Clubs gefragt. Er hatte mir die Misfits-Bar empfohlen bzw. genannt, als einzige location, wo nur Techno aufgelegt wird.

Ich hatte die Tür noch nicht ganz geöffnet, da schlug mir edelster Techno entgegen, aufgelegt live von 'nem richtigen DJ, auf dem DJ-Pult lagen fleyer von einer Party am leider erst 19.02., zu der er auflegen wird und die in der Gegend stattfindet, in der ich das Paul-van-Dyk-Plakat entdeckt hatte. Ich wurde tatsächlich ein wenig kribbelig, die Leute rundum waren richtige underground-Technos, klasse Klamotten bekam man zu sehen, alle wippten zur Musik, strahlende Gesichter, super. Während Arnd die drinks bestellte an der Theke entdeckte ich zwei freie Stühle an einem Tisch, fragte, ob frei sei, ja, und wir hatten einen prima Platz. Das Mädchen fragte mich, wo wir her seien.
"Germany, and you?"
"Moskau."
Ja klasse. Die meisten hier waren sichtlich Touristen, wie überall, wo man hinkam, auf den Strassen, in den shops, echt überall. Meine Frage nach einem Techno-club zum Tanzen konnte sie auch nicht beantworten, sie hatte noch von keinem gehört. Ihr Begleiter, der erste Typ, der mir hier gefiel, auch nicht. Ich fragte die supernette Bedienung. Sie nannte mir die 'Bar Funk', in der heute house aufgelegt wird. Aber house? Mehr gibt's nicht? Sie machte mich auf den fleyer aufmerksam, den ich ja schon entdeckt hatte, und mehr gab's scheint's wirklich nicht. Wir blieben, denn die Musik war prima, und wer weiss, was das mit der house-musik war. Arnd fing an zu tanzen, obwohl sonst niemand tanzte, und hin und wieder hatte er tanzende Gesellschaft von ein, zwei anderen. Es war auch genug Platz zum Tanzen, aber der Club war trotzdem eigentlich nicht dazu ausgelegt. Mehrmals schwankte ich, auch loszulegen, liess es aber dann doch immer wieder - nur so vor mich hintanzen, ohne Party 'rundum, nee. Arnd bewies richtig Ausdauer, wir blieben voll lange, und es war ein prima Abend.


 

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